Ein frohes neues Jahr und Gottes Segen!

Gerade erreichen uns die Nachrichten aus Berlin: Ein LKW fährt auf dem Breitscheidplatz in die Menge der Weihnachtsmarktbesucher. Aus einem harmlosen Vergnügen wird ein schrecklicher Albtraum. In den sozialen Netzwerken überschlagen sich die Hasskommentare. Die Bundeskanzlerin wird beschuldigt, tatenlos diese Katastrophe mitverschuldet zu haben. Spekulationen lösen einander ab.

Aber überall wo ich hinsehe, entdecke ich auch Hoffnung, Mitgefühl, Liebe. Menschen, die diesen Entgleisungen ein „dennoch“ entgegensetzen und sich jetzt erst recht nicht von Angst und Hass leiten lassen wollen. Das wirft ein neues Licht auf alte biblische Worte, lässt sie aktueller denn je werden.

Gott spricht durch den Propheten Hesekiel vor langer Zeit zu seinem Volk Israel (und auch zu uns heute): „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“

Ein Hoffnungswort in bewegter Zeit.

Neues Leben beginnt in meinem Herzen. In meinem Herzen nähre ich die Hoffnung. Mit meinem Herzen kann ich dem Hass Liebe entgegensetzen.

Wenn Gott uns ein neues Herz schenkt, dann, damit wir mit diesem den Menschen in Liebe begegnen. Damit wir uns nicht von der Angst zum Hass verführen lassen. Damit wir unser Vertrauen, unsere Zuversicht, unsere Hoffnung auf IHN setzen. Der Geist, den Gott in uns legt, der Geist Gottes, ist dabei unser Helfer. Er bezeugt in uns Gottes Liebe, er spricht Frieden in unseren Unfrieden, er schenkt Hoffnung, wo wir hoffnungslos sind.

Es ist mein Gebet, dass wir uns nicht von Angst und Wut überwinden lassen, sondern das Herz, von Gott geschenkt, und der Geist, von Gott gegeben, unseren Puls bestimmen.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein gesundes, friedvolles, geistgewirktes neues Jahr.

Anja Bär

Das Jahr ist vorbei, ein neues beginnt

Das Jahr ist vorbei, ein neues beginnt – diese Worte sind der Anfang des Liedes „Das neue Jahr“ der Gruppe Sharona.

Das Lied lädt zu einer Rückbesinnung ein. Was war gut und was ist vielleicht nicht so gelungen im zurückliegenden Jahr? Welche Fragen haben eine Antwort gefunden und was musste offen bleiben? Nehme ich Lasten mit ins neue Jahr, die ich vielleicht auch zurücklassen könnte?

Eigentlich ist der Jahreswechsel ein ganz normaler Tag, ein Tag wie jeder andere. Und doch feiern wir heute, dass etwas zu Ende geht und etwas Neues beginnt.

Es ist gut so, denn wir Menschen brauchen immer wieder (Zeit)Punkte um innezuhalten, nachzudenken, Rückschau zu halten, zu reflektieren und Schlussfolgerungen zu ziehen. Dieses Zurückblicken dient nicht dazu, im Vergangenen zu verharren und hinter uns Liegendes festzuhalten. Im Gegenteil, wer auf sinnvolle Weise zurückblickt, versetzt sich in die Lage, die Gegenwart zu verstehen, zu akzeptieren und zu gestalten und damit Einfluss auf die Zukunft zu nehmen.

Sicher könnte man sagen: Die Zukunft kommt ohnehin, auch ohne mein Zutun. Denn in dem Moment, in dem ich diese Sätze geschrieben habe, sind sie schon Vergangenheit, ist die Gegenwart schon vorbei und die Zukunft zur Gegenwart geworden.

Doch was ich meine ist der größere Zusammenhang. Im Bewusstsein der Gegenwart die Vergangenheit zu beleuchten um für die Zukunft Entscheidungen zu treffen ist ausgesprochen sinnvoll. Dabei geht es nicht um größtmögliche Absicherung, um Netz und doppelten Boden. Es geht um Achtsamkeit, um bewusstes Wahrnehmen dessen, was ist und war. Vielleicht gelingt es mir dann in der Zukunft besser oder eben achtsamer Gegenwart zu gestalten.

Zurückzublicken bedeutet auch, Gottes Spuren in meinem Leben wahrzunehmen. Es gibt Zeiten, in denen das Wirken Gottes zu fehlen scheint, in denen der glaubende Mensch fragt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Psalm 22) Dann ist es vielleicht hilfreich, einmal in die Vergangenheit zu schauen und festzustellen, dass Gott mich nicht nur nicht verlassen hat, sondern die ganze Zeit trug. Rückschau kann also helfen, das Geschehene neu einzuordnen, zu klären.

Wir werden zum Jahreswechsel aber nicht nur ermutigt nach hinten zu sehen, sondern auch nach vorn, wohl wissend, dass alles nur Mutmaßungen und Ahnungen sind. Dennoch: Es ist eine Art des achtsamen Umgangs mit mir und meiner Umwelt, sich bewusst zu machen, dass die Zeit weiter läuft. Es kommen andere Zeiten, andere Begegnungen, andere Fragen, andere Antworten. Und doch bleibt es unser Leben, das wir gestalten dürfen und sollen: achtsam, bewusst.

In all dem Fragen, Erwarten, Hoffen, Befürchten – in all dem was unser Leben ausmacht, lässt sich Gott finden. Er will auch gefunden werden.

  • Gott sehnt sich danach, unsere Vergangenheit anvertraut zu bekommen, so, dass wir sie nicht mehr festhalten und in ihr versinken müssen.
  • Gott sehnt sich danach, gestaltender Teil unserer Gegenwart zu sein; nicht so, dass wir die Hände in den Schoß legen und der Dinge harren die da kommen, sondern aktiv, im Bewusstsein, dass ER mitgeht.
  • Gott sehnt sich danach, dass wir ihn als die Zukunft unseres Seins erkennen. Es geht um alles, es geht um unser Leben, um das ewige Leben, wenn es um Gott geht.

Die Zeit vergeht, sie läuft und läuft. Das ist unabänderlich und zugleich unendlich tröstlich – vor allem wenn ich weiß, dass in diesem Fluss der Zeit Gott die Konstante ist, dem mein Leben unendlich wichtig und wertvoll ist.

Wenn wir zurückblicken, dann wollen wir das versöhnlich tun, gnädig und liebevoll mit uns selbst und den Menschen um uns herum. Wenn wir nach vorn blicken, dann in dem Bewusstsein, dass Gott alle Tage unseres Lebens und darüber hinaus mit uns geht – unabhängig von den äußeren Umständen.

Zeit vergeht so schnell und kommt nie mehr zurück.
Doch Jesus du mein Herr gehst mit mir Stück für Stück.
Du hältst mein Leben fest.
Du hilfst mir dich ganz neu zu sehn.
Du gibst dem Jahr den Sinn.
Mit dir nach vorne gehn,
ich weiß du zeigst mir neues Land,
du schenkst mir wahres Glück. (Sharona, Das neue Jahr)

Gott nahe zu sein ist mein Glück – das war die Jahreslosung 2014, dem Psalm 73 entnommen. Gott nahe zu sein, meine Wege mit ihm zu gehen, in seinem Verständnis mein Leben zu gestalten, die glücklichen und die notvollen Momente im Leben mit ihm zu teilen, die eigene Unzulänglichkeit zu erkennen und darüber nicht zu verzweifeln, sondern ja zu sagen und mich verändern zu lassen – Schritt für Schritt in der Nähe Gottes. Ja, das IST Glück.

In diesem Sinne blicke ich gern zurück und freue mich auf das vor mir Liegende.

Anja Bär

Totensonntag oder Ewigkeitssonntag?

Am Ende eines Kirchenjahres, das vom ersten Advent bis zum Ewigkeitssonntag dauert, blicken wir Christen traditionell zurück. Wir erinnern uns vor allem an die Menschen, die verstorben – wir sagen: heimgegangen – sind. Heimgegangen? Wohin geht ein Mensch, wenn sein Leben hier zu Ende ist?

Im Johannesevangelium, Kapitel 14 steht, dass Jesus uns Folgendes sagt:

„Lasst euch im Herzen keine Angst machen. Glaubt an Gott und glaubt auch an mich. Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Sonst hätte ich euch nicht versprochen: ‚Ich gehe dorthin, um einen Platz für euch bereit zu machen.‘ Und wenn ich dorthin gegangen bin und einen Platz für euch bereit gemacht habe, werde ich wiederkommen. Dann werde ich euch zu mir holen. Denn dort, wo ich bin, sollt auch ihr sein.“ (Verse 1-3, basisbibel)

Wir glauben, dass die Menschen, die ihren Lebenslauf auf der Erde vollendet haben, nun bei Gott, dem himmlischen Vater sind. Darum sprechen wir vom „Heimgehen“, wenn ein Mensch stirbt. Es ist zugleich Trost und Hoffnung. Ungeachtet dessen löst das Heimgehen von Menschen bei uns auch Trauer aus. Wir spüren deutlich den Verlust und die Lücke, die entstanden ist.

Der Ewigkeitssonntag – auch Totensonntag genannt – ist ein Tag, an dem wir uns bewusst den Verlust vergegenwärtigen und zugleich auf die Hoffnung blicken, einander in der Ewigkeit wiederzusehen.

Auch wir hatten in diesem Jahr einen Verlust zu beklagen und erinnern uns gern an die gemeinsam erlebten Zeiten mit einem geliebten Menschen zurück. Wir wollen den Ewigkeitssonntag bewusst begehen und uns einerseits der Endlichkeit des irdischen Lebens bewusst sein und andererseits voll Staunen und Dankbarkeit das Leben in Fülle aus der Hand Gottes nehmen.

Allen einen gesegneten Ewigkeitssonntag!

Anja Bär

Übrigens: Die Formulierung „zwischen den Jahren“ meint eigentlich die Zeit zwischen dem Ewigkeitssonntag und dem ersten Advent – eine echte Zwischenzeit eben.

 

SommerPause?

In Psalm 73 bekennt der Beter: „Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an.“

Ich bleibe stets an Gott – ein Bekenntnis, das es in sich hat, vor allem jetzt, da der Sommer vor der Tür steht und mit ihm die Urlaubszeit. Was machen wir im Urlaub und wie gestalte ich in dieser Zeit mein geistliches Leben? Mache ich mal Pause von allem? Jedes Jahr stellt sich von neuem diese Frage.

Da ist zum Beispiel der Sonntag. Er ist ein besonderer Tag. In aller Regel ist er sehr entschleunigt. Die Geschäfte haben geschlossen, die öffentlichen Verkehrsmittel fahren seltener, insgesamt ist weniger los. Ich könnte das als ein Angebot verstehen, diesen Tag anders als die restlichen Tage der Woche zu gestalten. Vielleicht, indem ich auch im Urlaub in einen Gottesdienst gehe. Ob in einer Kirche oder zuhause ist dabei nicht entscheidend. Ich kann mir auch gut vorstellen, mit einem Picknick in fröhlicher Runde Gott zu ehren und ihm bewusst für das Leben und seine Möglichkeiten danke zu sagen. Im Wald, am See, im Park oder an einem Fluss – es findet sich sicher ein Ort, an dem es möglich ist, inne zu halten. Einzige Voraussetzung ist die (innere) Bereitschaft, dankbar auf das zu schauen, was mein Leben ausmacht. Dabei ist es völlig unerheblich, wie die äußeren Umstände meines Lebens aussehen, es kommt darauf an, in mich hineinzuhören und Gottes „Ja“ zu mir zu verstehen. „Deine Sehnsucht ist dein Gebet“ soll Augustinus gesagt haben. Und der amerikanische Franziskaner Richard Rohr meint: „Wir können Gottes Gegenwart nicht herstellen. Vielmehr sind wir schon vollkommen in Gottes Gegenwart. Was fehlt ist das Bewusstsein.“

„Dennoch bleibe ist stets an dir…“ Das ist keine Aufgabe, sondern eine Erkenntnis. Ich bleibe an Gott, weil er an mir bleibt – auch im Sommer, auch im Urlaub.

In diesem Sinne wünsche ich allen eine besonders gute und erholsame Urlaubszeit in dem wachsenden Bewusstsein, dass Gottes Gegenwart da ist, egal ob im Gottesdienst, beim Picknick, wandern oder Rad fahren.

Gottes geliebte Menschen vom 14.-17. April 2013 in Bremen-Lesum

Was ist das eigentlich?
Die Aktion „Gottes geliebte Menschen“ ist eine tolle Möglichkeit um Bekannte, Freunde und Nachbarn einzuladen. Alle Gäste werden im Rahmen des ersten Veranstaltungstages von einem Fotografen fotografiert und sie hören in den dazugehörigen Veranstaltungen, dass sie von Gott geliebt sind.

Aber jetzt mal ganz von vorn:
„Gottes geliebte Menschen“ ist eine viertägige Seminarreihe, in der existenzielle Themen des Menschseins behandelt werden. Den Auftakt bildet jeweils ein Sonntagsgottesdienst, dem drei Abendveranstaltungen folgen.

Im Rahmen des Auftakt-Gottesdienstes und in dessen Anschluss werden die GottesdienstteilnehmerInnen fotografiert (Porträt). Dazu wird die Kirche oder werden die Gemeinderäume zu einem öffentlichen Fotostudio umgebaut. Gäste, Freunde, Bekannte und Verwandte werden bei lockerer Atmosphäre (Kaffee und Kuchen etc.) eingeladen, kostenlos Porträtfotos von sich machen zu lassen, die für eine sich anschließende Ausstellung verwendet werden. Den Abschluss der Seminarreihe bildet eine Vernissage / Ausstellungseröffnung am folgenden Mittwochabend. Die am Sonntag gemachten Porträtfotos werden dann in einer Größe von ca. 20 x 30 cm präsentiert und anschließend an die Fotografierten verschenkt.
Soweit der Text des Begleitheftes.

Für uns bedeutet das, dass wir unser Gemeindehaus umgestalten werden, viele Menschen einladen können, drei Abende einladend gestalten, frisch moderieren und mit allen Sinnen genießen dürfen. Ich war im letzten Jahr in der Gemeinde
Osterholz-Scharmbeck, die diese Veranstaltungsreihe durchgeführt hat. Es war ein spannendes, tolles Projekt. Wir freuen uns, dass wir es für unsere Gemeinde im April nun selber durchführen können.

Weitere Informationen und die Möglichkeit Fragen zu stellen haben wir am 21. Februar um 20 Uhr in unseren Gemeinderäumen. Dann kommt Pastor Carsten Hokema aus Oldenburg zu uns, um uns einzustimmen und Fragen zu beantworten. Alle Interessierten sind herzlich zu diesem Abend eingeladen.
Und natürlich kann man nachschauen unter www.gottesgeliebtemenschen.de.

Ruth Lange

Der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt und dem Menschen, der nach ihm fragt.

Es gibt Zeiten, in denen wir jubeln und tanzen möchten, so reich und erfüllt erleben wir unser Leben. Wir können uns nicht vorstellen, dass es jemals anders sein könnte und aller Lebenserfahrung zum Trotz fühlen wir uns auf der Gewinnerseite.
Und dann erleben wir Zeiten, in denen wir schreien, toben, weinen, klagen möchten und es auch tun. „Wo bist Du Gott?“, möchten wir fragen, oder auch „Warum passiert mir genau dies?“ – wenn wir mutig sind, dann tun wir das auch. Häufig kommen dann Zweifel: „Darf ich das? Muss ich nicht vielmehr voller Demut annehmen, was Gott mir auferlegt hat?“ und „Was bringt die Frage nach dem Warum überhaupt? Sollte ich nicht lieber Wozu fragen?“. Ich kann solche Zweifel gut verstehen, hat doch der Apostel Paulus im Brief an die Gemeinden in Rom bekannt, dass denen, die Gott lieben alle Dinge zum Besten dienen (zum Nachlesen: die Bibel, Brief an die Gemeinden in Rom, Kap. 8,28). Also auch die Dinge, die Kummer und Leid hervorbringen oder?

Der Monatsspruch für Oktober ist ein Zwischenruf, eine Erkenntnis mitten in der Klage, vielleicht einer der Gründe für die Aussage des Paulus (s.o.) Er steht in den Klageliedern im Alten oder besser Ersten Testament die von dem großen Verlust Jerusalems und dem damit zusammenhängenden Leid handeln. Fünf Lieder beschäftigen sich damit. Themen sind: die Verwüstung Jerusalems, der Zorn Gottes, die Gefühle der Hinterbliebenen. Ein ganzes Buch voll Klage und mittendrin dieser Zwischenruf, dieser Vers, der, im Zusammenhang gelesen, durchaus verwirren kann:
Dies nehme ich zu Herzen, darum hoffe ich noch: Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.

Wie passt das zusammen, das große Wehklagen und plötzlich solch ein Hoffnungsschimmer, solche Zuversicht?
Wann immer ich Menschen in Leidsituationen erlebe, stelle ich fest, dass diese kaum in der Lage sind, nach vorn zu schauen. Oft sind Worte fehl am Platze, Schweigen ist angemessener. Was soll man auch sagen ohne hohl zu klingen?
Die Klagelieder und auch diverse Klagepsalmen können uns hier eine Hilfe sein. Denn zunächst werden wir ermutigt zu klagen, unsere Gefühle, gerade auch das Warum zu formulieren, es vor Gott zu tragen, in dessen Händen die ganze Welt liegt. Wir dürfen also klagen und wir dürfen uns auch darin üben, die Klage des Anderen auszuhalten.
Wenn die Klage sich dabei an den wendet, der unser Leben und damit auch unseren Schmerz in seinen Händen trägt, dann wird die Klage sich in Zuversicht verwandeln. Wenn Gott der Adressat unserer Klage und unseres Schmerzes ist, dann werden wir erkennen, dass ER tatsächlich freundlich ist, dass wir IHM nicht egal sind. Dann wird aus unserer Klage die Erkenntnis wachsen, dass der HERR freundlich ist dem, der auf ihn harrt, dem der nach ihm fragt.

Anja Bär

Durch Gottes Gnade bin ich was ich bin. (1.Kor 15,10a)

Ich bin was ich bin durch die Gnade Gottes.
Ich bin was ich bin. Was bin ich, wer bin ich und wie bin ich? Das sind Fragen, die Menschen durch alle Generationen immer wieder bewegen. Manchmal fällt die Antwort leicht: Es ist alles klar im Leben, die Beziehungen sind geklärt, man steht mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen und weiß, was, wer und wie man ist. Und dann gibt es Zeiten, in denen auf eine solche Frage Zögern, Stottern, Ratlosigkeit folgt. Was bin ich eigentlich – oder mit dem Titel eines bekannten philosophischen Buches gefragt: Wer bin ich und wenn ja wie viele?
Diese Frage nach der Person ist eine zutiefst existenzielle Frage. Was bin ich?
Trifft man alte Freunde, Klassenkameraden, Kommilitonen oder Kollegen auf der Straße, beim Einkauf oder sonst wo, kommt schnell die Frage auf: Was bist du (geworden)? Und die Antwort ist in der Regel ein Verweis auf das, was der Gefragte tut. Ich sage dann: „Ich bin Pastorin. Und Mutter. Und Ehefrau.“ Oft nenne ich tatsächlich diese drei „Merkmale“ in dieser Reihenfolge. Ich habe mich schon mehrfach dabei „erwischt“, wie ich zuerst meinen Beruf nenne und mich gefragt, warum so und nicht anders und warum nicht noch mehr? Klar, ich bin leidenschaftlich gern Pastorin und Mutter und Ehefrau. Aber bin ich nicht noch viel mehr: Geliebtes Kind Gottes, Berufene, Gesehene, Angenommene, Befreite und Pastorin, Ehefrau und Mutter?
Dem Apostel Paulus ist diese Frage offenbar auch gestellt worden. Ihr Wortlaut ist uns nicht überliefert. Aber in dem Brief an die Gemeinde in Korinth geht es viel um die Frage der Autorisierung des Apostels. Was bist du und wie kommst du auf die Idee, dass du uns was zu sagen hättest? Diese Frage schimmert durch den ganzen Brief. Paulus hatte die Gemeinde gegründet und muss nun feststellen, dass einige merkwürdige, ja irreführende Ansichten und Erkenntnisse entstanden waren und sich verfestigt hatten. Paulus bespricht darum mit den Korinthern moralische und ethische Fragen genauso wie die Frage nach dem Evangelium, das von der Gnade Gottes spricht, die allein für die Versöhnung des Menschen mit Gott grundlegend ist.
Ich bin ein Apostel, ein Gesandter Jesu, sagt Paulus der Gemeinde. Ich bin zwar der Geringste unter den Aposteln, denn ich habe die Gemeinde Gottes verfolgt, aber: Ich bin ein Apostel. Ich habe Jesus gesehen und zwar nach seiner Auferstehung. Ich war ein Kämpfer gegen und bin jetzt ein Kämpfer für Christus. Ich bin einer, der ganz in Gottes Dienst steht. Ich bin ein Berufener. Habe ich dafür irgendetwas getan? War ich besonders treu oder fromm? Habe ich mich durch besondere Leistungen hervorgehoben, sodass Jesus gar nicht anders konnte, als mich zu erwählen? Nein, es ist die Gnade Gottes, die mich zu dem gemacht hat, was ich bin. Zu einem Gesandten, einem der das Evangelium in die Welt trägt.
Es ist die Gnade Gottes, die mich zu dem gemacht hat, was ich bin. Ich erinnere mich an einen Gottesdienst vor langer Zeit in der Cantianstraße in Berlin, in dem gefragt wurde, was es denn mit der Gnade Gottes auf sich hat. Die Kinder vom Kindergottesdienst gingen in die Reihen und suchten sich Leute aus, die ihnen diese Frage beantworten sollten. Ich erinnere auch, wie ich mich ganz klein machte, um nur nicht befragt zu werden. Ich wurde nicht gefragt und war wirklich froh darüber, denn ich hätte keine Antwort gewusst.
Seitdem hat mich die Frage nie mehr ganz losgelassen: Was ist die Gnade Gottes?
Die Bibel versteht Gnade Gottes als unbedingte Zuwendung Gottes zu uns Menschen, ohne dabei anzusehen, was, wer und wie wir sind. Gott wendet sich uns Menschen zu. Ohne Bedingungen, ohne Leistungen zu erwarten oder zu fordern. Und so kann auf die Frage: Was bist du? die Antwort lauten: ich bin ein Mensch, dem Gott sich zugewendet hat, der von Gott geliebt, gesehen und angesprochen wird und der von Gott berufen ist, dies alles zu verkünden, in die Welt zu tragen, damit auch andere Menschen erfahren können, dass Gott sich ihnen ganz zuwendet.
„Durch die Gnade Gottes bin ich was ich bin“ schreibt Paulus nach Korinth. Ich bin einer, dem Gott sich zugewendet hat, als es nach menschlichem Ermessen keinen Grund dafür gegeben hätte. Ich bin ein Geliebter, Gesehener, Angesprochener und ich habe eine Aufgabe.
Diese Gnade Gottes, die uns zu etwas macht und uns beauftragt, gilt nicht nur Paulus, sie gilt jedem Menschen, denn Gott wendet sich uns zu, ohne Bedingungen, in Jesus Christus.
Anja Bär

Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen! (Mk 16,15)

Mission, Evangelisation, Bierkisten, Marktplätze, Fremdschämen, nicht schon wieder die…
Gehen Dir solche und ähnliche Wörter und Reaktionen durch den Kopf, wenn Du diesen Vers liest? Denkst Du sofort an missionarische Aktionen um der Aktion und der Bekehrung vieler willen? Fragst Du Dich, was Jesus wohl meinte mit dieser Aussage und wie dieses „Hinausgehen in die ganze Welt“ aussehen soll? Und soll das Evangelium wirklich allen Geschöpfen gelten und gesagt werden? Und was ist das Evangelium überhaupt?
Ob Du es glaubst oder nicht, das Evangelium ist die Botschaft von der unbedingten Liebe Gottes. Gott liebt ohne Bedingungen, das ist damit gemeint. Du musst nichts leisten, Dir die Liebe nicht verdienen (abgesehen davon, dass echte Liebe niemals zu verdienen ist), Gott liebt Dich. Das ist der erste Teil der Botschaft.
Gott liebt aber nicht nur Dich, er liebt auch Deinen Chef, Deine Nachbarin, die Frau an der Kasse, deren Augen schon lange nicht mehr lächeln, den Krankenpfleger, der vor lauter Erschöpfung nicht mehr klar denken kann, den Politiker, dem sein Karrierestreben wichtiger als Moral und Anstand waren oder sind, den Menschen, der andere schädigt, ihnen schadet, der Undenkbares tut. Gott liebt den Menschen, den zutiefst imperfekten Menschen. Gott liebt den Sünder, ER liebt Dich und mich ohne Bedingungen. Das ist das Evangelium.
Nicht das wir uns falsch verstehen, Sünde kann Gott nicht ab. Sünde widerstrebt ihm, ja, die Bibel spricht sogar von Gottes Hass in Bezug auf die Sünde. Doch nicht in Bezug auf den Sünder, auf den Menschen, der täglich schuldig wird an allem möglichen und unmöglichen. Das ist das Evangelium: Gott liebt Dich! Und Gott liebt diese Welt und alles was auf und in ihr lebt.
Diese Liebe hat Konsequenzen, denn wir sollen sie in die Welt tragen. Wir sollen allen davon erzählen und diese Liebe leben. Wenn es Deiner Art entspricht, das Evangelium, die Liebe Gottes, mit Worten in die Welt zu tragen, nur zu.
Doch nachhaltiger und glaubwürdiger sind Taten. Immer schon haben die Menschen auf das Tun Gottes reagiert. Sehen wir uns den Erfolg an, den Jesus hatte, dann stoßen wir immer wieder auf sein Tun, auf das, was die Menschen dazu brachte, ihm zuzuhören. Ein Wunderheiler ist unterwegs, einer, der von einer besseren Welt redet, der von Gott redet, als würde er ihn wirklich kennen. Einer, der nicht nur redet, sondern auch tut.
Denken wir an die Speisung der Fünftausend. Ja, ein riesiges Wunder war das, keine Frage. Doch war es nicht zuerst Ausdruck größtmöglicher Zuwendung? Die Menschen hatten Hunger. Sie waren Jesus gefolgt, hatten ihm zugehört und nun waren sie erschöpft und hungrig. Jesus nimmt das wahr und sorgt für leibliche Speise. Es reicht nicht, den Menschen geistliche Nahrung zu geben. Ja, der Mensch lebt nicht vom Brot allein, das hat Jesus auch gesagt. Aber ohne Brot stirbt der Mensch.
Täglich sterben unvorstellbar viele Menschen weltweit an Hunger und den Folgen von Hunger. Ihnen das Evangelium nur zu sagen und nicht zu leben, wäre zynisch und mit Sicherheit nicht im Sinne Jesu. Doch wir brauchen gar nicht so weit zu schauen. Denn Hunger gibt es auch bei uns, in unserem reichen Land. Vielleicht geht es dabei weniger um den Hunger nach Brot, nach Grundnahrungsmitteln. Dennoch sind viele Menschen unterernährt an Zuwendung und Annahme beispielsweise. Und kämen wir miteinander ins Gespräch, würden uns noch viel mehr Unterernährungssymptome auffallen.
„Ich kann doch nicht die ganze Welt retten!“ denkst Du? Stimmt, musst Du auch nicht. Doch wenn wir losgeschickt werden, aller Welt das Evangelium zu verkünden und zwar in Wort UND Tat, dann ist zuerst meine kleine Welt um mich herum gemeint. Fang bei Dir an, in Deiner Welt, verkündige das Evangelium, indem Du anders reagierst, indem Du einen Moment innehältst, indem Du Initiativen unterstützt, die den Menschen dienen, indem Du wahrnimmst, was um Dich herum passiert. Gehe einen Moment vor die Haustür, atme durch, sieh Dich um, öffne Deine Ohren und Dein Herz und verkünde durch Dein Tun oder manchmal auch Lassen das Evangelium von der unbedingten Liebe Gottes.
Du musst und kannst die Welt nicht retten, aber Du kannst damit anfangen, sie zu verändern.
Anja Bär

Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. (2Kor 12,9)

Ich bin immer wieder überrascht, wie sehr mich Bibelworte an- und in meine Gegenwart hineinsprechen. Oft habe ich den Eindruck, dass sie extra für mich gesagt oder geschrieben sind, dass ich daraus etwas lernen kann, etwas das mein Leben verändert.
Wer mich kennt, der weiß, dass ich mich nicht gern schwach gebe. Lieber Stärke und Durchhaltevermögen zeigen als den Anschein von Schwäche zu erwecken, nach dem Motto: „Wer schwach ist, was kann der schon schaffen?“. Es ist vertrackt: Einerseits finde ich solch eine Haltung schlimm, andererseits lebe ich oft genug selbst nach diesem Motto.
Die Jahreslosung kommt mir da gerade recht: Jesus Christus spricht: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“. Im Laufe der Jahre habe ich zwar gelernt, dass ich nicht alles kann und auch nicht alles können muss. Und dass das gar nicht weh tut. Dass es nicht schlimm ist, nicht alles zu können, kein Zeichen von Minderwert, nicht für alle und alles Kraft zu haben, im Gegenteil. Schwäche zuzulassen, Begrenzungen anzuerkennen und dabei nicht alles in Frage zu stellen ist absolut in Ordnung. Das alles habe ich vor allem in meinem Kopf gelernt. Doch nun bin ich herausgefordert, es auch wirklich zu lernen, zu begreifen, dass diese Erkenntnisse keine hohlen Phrasen sind.
„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“. Jesus sagt diese Worte dem Apostel Paulus, dem großen Missionar und Gemeindelehrer, dessen Briefe bis heute für Gemeindeleben und Gemeindebau so immens wichtig sind und der bekennt, dass ein Stachel in seinem Fleisch steckt, den er Gott bittet zu entfernen. Paulus ist nach eigenem Bekennen kein kraftvoller Mann voller Power und Energie. Alle Kraft und Energie zieht er aus seiner Beziehung zu Gott, der ihm sagt: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“.
Sich seiner Schwachheit bewusst zu sein, seine Kraft von dem zu holen, der sie uns zusagt, zeugt von wahrer Größe. Gott selbst ist es, der uns seine Kraft gibt. Gott, dessen Geliebte wir sind. Geliebte auch und gerade angesichts von Unvollkommenheit und Schwäche.
Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig, sagt Jesus. Was ist das für eine Kraft? Und was muss ich dafür tun, diese Kraft zu erhalten? Macht diese Kraft mich nicht möglicherweise zu einer Marionette, die nicht weiß, was sie will? Gottes Kraft ist eine Liebesgabe, sie ist Ermutigung und Trost, manchmal übermenschliches Vermögen und manchmal Durchhalten in schweren Tagen. Das bedeutet, meinen Stolz abzulegen und mir von Gott helfen, seine Kraft in mir wirken zu lassen. Und dennoch selbst zu denken und zu handeln nur eben immer mit dem Blick auf Gott, dessen Kraft mir Stärke gibt.
Das Bild mit den Früchte tragenden Ameisen gefällt mir sehr. Klar wissen wir, dass Ameisen das etwa Hundertfache ihres eigenen Körpergewichtes tragen können. Und das ist schon erstaunlich genug. Doch auf dem Bild werden Lasten gezeigt, die auch die stärksten Ameisen nicht transportieren könnten. Es ist dabei unerheblich, ob Ameisen es überhaupt versuchen würden, solche Lasten zu tragen. Vielmehr will das Bild uns deutlich machen: Wo meine Kraft an ihre Grenzen stößt, ist Gottes Kraft da, die für mich die Last trägt.
Immer wieder kommen wir in die Situation, in der Lasten zu schwer und Ereignisse zu drückend sind. Dann ist da Gott, der zu uns spricht und sagt: Meine Kraft ist in Deiner Schwachheit mächtig. Überlasse Dich mir, ich will und werde Dir helfen.
Ich wünsche allen eine gesegnete und kraftvolle Passionszeit, die uns wieder einmal deutlich macht, dass die Liebe Gottes keine Grenzen kennt.
Anja Bär