Glaube am Montag – Salz der Erde

Christ sein, Christsein leben, Glauben leben, auch in der Woche, im Alltag; glauben, dass Gott in jedem, wirklich jedem Moment bei mir ist – was für eine Idee.

Wobei die Idee gar nicht so extravagant ist. Christ ist man ja nicht nur für bestimmte Tage. Christ ist man immer. Und doch scheint es im Alltag zunehmend schwierig, Glauben zu leben, als Christ erkennbar zu sein. Im Beruf, in der Schule, in der Uni, im Verein, wo auch immer wir unterwegs sind und auf Menschen treffen, wir glauben an Jesus Christus, der uns die Liebe Gottes bezeugt. Glaube ist keine Privatsache, die hinter verschlossenen Türen stattfindet. Glaube ist relevant – gerade auch im Alltag.

Doch offensichtlich findet gelebter Glaube zunehmend hinter verschlossenen Türen statt, im kleinen, intimen Kreis, einem Kreis Eingeweihter, Eingeschworener. Und das, obwohl wir in einem Land leben, für das Religionsfreiheit ein hohes Gut ist. Wir können uns ohne Probleme treffen, müssen keine Repressalien befürchten, wenn wir unseren Glauben bekennen. Auch unser berufliches Fortkommen ist unabhängig von unserem Glauben. Warum also scheint es so schwer zu sein, sein Christsein zu leben – auch über den Sonntag hinaus?

Das soziale Engagement, das früher christliche Kirchen ausmachte, wird zunehmend auch von anderen Gruppen in unserem Land übernommen. Es ist schon lange nicht mehr ausschließlich christliche Aufgabe, für die Menschen am Rand der Gesellschaft und des Lebens da zu sein. Im Gegenteil, wer sich heute als Christ sozial engagiert, kann auch schon mal in den Verdacht geraten, seinen Einsatz als missionarisches Einfallstor zu missbrauchen. Und oft genug ist das in der Vergangenheit ja auch so gewesen.

Was ist nun der Kern der christlichen Botschaft in einem Land, in dem Religionsfreiheit herrscht, in dem Toleranz ein hohes Gut ist und die Menschen im Großen und Ganzen mit dem Nötigsten versorgt sind? In einer Gesellschaft, die von Streben nach dem Mehr, Höher, Besser, Weiter über die Maßen bestimmt ist, und in der der Mensch als Geschöpf mit Begrenzungen immer weniger wahrgenommen wird, gilt es, die unbedingte Annahme des Menschen durch Gott zu verkündigen und zu leben, mit anderem Maß zu messen, neue Akzente im Miteinander zu finden.

Die Jahreslosung für 2011 machte dieses „Salz sein“ auf eine schöne Weise deutlich: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“. Seit beinahe einem Jahr hängt an unserer Eingangstür zur Gemeinde das zur Jahreslosung gestaltete Plakat vom Blumenwerfer, einem Motiv von Banksy.

Es ist ein wunderbares Motiv für die anderen Akzente und Werte, die wir setzen und vermitteln können – aufgrund unseres Glaubens an den liebenden Gott, der uns annimmt, wie wir sind. Diese Botschaft ist revolutionär, gerade in unserer Zeit und in unserer Welt. Es lohnt sich, sie zu glauben, zu leben und weiterzuerzählen.

In der Bergpredigt sagt Christus: Ihr seid das Salz der Erde. Das ist keine „Es-könnte-dereinst-sein“-Ansage. Nein, es ist klar und deutlich: Ihr seid das Salz der Erde!  Egal was du tust, egal, wie du reagierst, wie du dich entscheidest: Du bist das Salz. Die Frage lautet nicht, ob du Salz sein willst. Die Frage ist, wo, an welcher Stelle du es bist und sein willst?

Ob im Beruf, in Schule oder Uni, ob im Verein oder im Elternbeirat: Immer sind wir Salz der Erde. Immer sind wir Christusgläubige. Der Wirtschaftspädagoge Walter Dürr sagt: „Viel zu lange haben sich die Gläubigen aus der Welt zurückgezogen und Politik, Wirtschaft und Erziehung als ‚zu wenig geistlich‘ angesehen. Wenn wir Gott Welt-los machen, dann dürfen wir nicht erstaunt sein, wenn die Welt Gott-los wird.“

Auch angesichts der Frage, wie wir unseren Glauben und Gemeinde im neuen Jahr gestalten und leben wollen haben wir im Mitarbeiterleitungskreis über ein neues Jahresthema gesprochen. Wir haben uns gefragt, ob wir überhaupt wieder ein Jahresthema haben wollen, das uns das Jahr über begleiten und Auswirkungen in die Veranstaltungen und Gruppen der Gemeinde haben soll.

Wir meinten, ja, ein Thema wäre gut und beschlossen gemeinsam, dass wir das Motto: „Glaube am Montag“ aufnehmen wollen, einer Initiative eines überkonfessionellen Netzwerkes, die uns einlädt, Glaube und Spiritualität im Alltag lebendig werden zu lassen.

Glaube am Montag ist ein Entwicklungsprozess, ein Austauschprozess, ein Anfang.

Ihr seid das Salz der Erde! Ihr seid das Licht der Welt! sonntags, montags, dienstags, alle Tage. Lasst uns unseren Glauben und unsere Spiritualität über den Gottesdienst am Sonntag hinaus leben.

Anja Bär

Persönlicher Liebesbrief von Gott

Mein Kind, vielleicht kennst du mich nicht, aber ich weiß alles über dich. Psalm 139,1
Ich weiß, wann du dich setzt und wann du aufstehst. Psalm 139, 2
Alle deine Wege sind mir bekannt. Psalm 139, 3
Denn du bist nach meinem Bild geschaffen. 1. Mose 1, 27
Ich kannte dich, noch bevor du empfangen wurdest. Psalm 139, 15
Ich habe dich erwählt, als ich die Schöpfung plante. Eph. 1, 11
Du bist wunderbar gemacht. Psalm 139,14
Ich beschütze dich. Psalm 139,4
Ich habe dich im Leib deiner Mutter geformt. Psalm 139,13
Ich bin der vollkommene Ausdruck von Liebe zu dir. 1. Joh. 4, 16
Es ist mein Verlangen, dich mit Liebe zu überschütten,
einfach weil du mein Kind bist und ich dein Vater. 1. Joh. 3, 1
Ich biete dir mehr, als dein irdischer Vater tun könnte. Matth. 7, 11
Denn ich bin der vollkommene Vater. Matth. 5, 48
Jede gute Gabe, die du empfängst, kommt aus meiner Hand. 1. Kor. 1,7
Denn ich sorge für dich und begegne dir in allen Nöten. Matth.6, 30+31
Mein Plan für deine Zukunft ist immer Hoffnung. Jeremia 29, 11
Weil ich dich mit ewiger Liebe liebe. Jeremia 31, 3
Meine Gedanken über dich sind unzählbar wie der Sand am Meer. Psalm 139, 17
Ich singe vor Freude über dich. Zefanja 3, 18
Ich werde nicht aufhören, dir Gutes zu tun. Jeremia 32, 40
Denn du bist mein wertvoller Besitz. 2. Mose 19, 5
Freue dich an mir und ich werde dir die Wünsche deines Herzens erfüllen Psalm 37, 4
Denn ich bin es, der diese Wünsche in dich hineingelegt hat. Phil. 2, 13
Ich kann mehr für dich tun, als du dir vorstellen kannst. Eph. 3, 20
Denn ich bin ein großer Ermutiger. 2. Thess. 2, 16 + 17
Ich bin auch der Vater, der dich in allen Nöten tröstet. 2. Kor. 1, 3
Wenn du ein gebrochenes Herz hast, bin ich nah bei dir. Psalm 34, 19
Wie ein Hirte sein Schaf trägt, habe ich dich an meinem Herzen getragen. Jes. 40
Eines Tages werde ich jede Träne von deinen Augen abwischen. Off. 21, 3+4
Ich liebe dich genauso wie ich meinen Sohn Jesus liebe. Joh. 17, 23
Denn in Jesus ist meine Liebe zu dir offenbart. Joh. 17, 26
Er kam, um dir zu zeigen, dass ich für dich und nicht gegen dich bin. Römer 8, 31
Und um dir zu sagen, dass ich dir deine Sünden nicht anrechne. 2. Kor. 5,19
Jesus starb, damit du und ich miteinander versöhnt werden können. 2.Kor.5,18
Sein Tod war der tiefste Ausdruck meiner Liebe zu dir. 1. Joh. 4,10
Ich gab alles hin, was ich liebe, um deine Liebe zu gewinnen. Römer 8,32
Nimmst du das Geschenk meines Sohnes an, dann nimmst du mich an 1.Joh.2,23
Und nichts kann dich jemals wieder von meiner Liebe trennen. Römer 8,39
Komm nach Hause und ich werde die größte Party im Himmel veranstalten
Lukas 15,7
Ich bin immer Vater gewesen und werde immer Vater sein. Eph. 3,14+15
Ich frage dich: Willst du mein Kind sein? Joh. 1.12
Ich warte auf dich! Lukas 15, 11-32

Dein dich liebender Vater, der allmächtige Gott!

Jesus Christus spricht: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. (Mt 18,20)

Jesus Christus spricht: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. (Mt 18,20)
Eines Tages – ich war noch Studentin in Elstal am Theologischen Seminar – überlegten meine Freundin und ich, ob und wie wir unserer Freundschaft noch einen anderen Schwerpunkt geben sollten oder könnten. Schon aufgrund der Tatsache, dass wir beide Theologiestudentinnen waren, redeten wir häufig und intensiv über Gott und die Bibel und die Welt. Es war uns wichtig, unsere Studieninhalte miteinander zu reflektieren, sie in unsere Realität einzubauen, die Relevanz des Gelernten für unser Leben herauszufinden. Das klingt jetzt vielleicht so, als wäre diese Freundschaft vor allem zu Studienzwecken entstanden. Aber so war es nicht. Wir besprachen auch ganz profane Dinge und verbrachten einfach viel Zeit miteinander. Wir sprachen aber auch viel ÜBER Gott. Doch miteinander MIT Gott zu reden war uns noch nicht, oder nur sehr selten, in den Sinn gekommen. An diesem besagten Tag also überlegten wir uns, ob wir unserer Freundschaft in Bezug auf unseren Glauben einen neuen Schwerpunkt geben sollten.
Wir fragten uns, ob es nicht gut wäre, mit einer gewissen Verbindlichkeit regelmäßig miteinander zu beten und auf diese Weise eine andere Art von Verantwortung füreinander zu übernehmen. Das wollten wir einmal ausprobieren.
Immer wieder hatte ich gehört, dass es auf dem Campus des Seminars Zweierschaften gab. Mittlerweile wusste ich, dass diese Zweierschaften zwischen Menschen bestanden, die miteinander befreundet waren und die ihrer Freundschaft durch die Zweierschaft eine geistliche Dimension gaben; denn sie trafen sich, um miteinander zu beten. Sie trafen sich auch sonst. Aber regelmäßig fanden sie sich auch zum Gebet zusammen.
Auf diesen Treffen liegt ein besonderer Segen, nämlich die Verheißung, dass Jesus dabei ist. In Matth.18,20 heißt es „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“
Das wollten wir also versuchen und uns einmal in der Woche ausschließlich zum Gebet treffen. Ich muss gestehen, das erste (und auch noch das zweite) Treffen war eher mühsam. Wenn zwei Menschen miteinander vertraut sind aber keine Gebetskultur entwickelt haben, muss man Hemmschwellen überwinden. Nach und nach entdeckten wir, dass es uns gut tat und uns veränderte. Auf diese Weise übernahmen wir auch ein Stück Verantwortung füreinander, ohne die andere zu entmündigen.
Hier in Bremen bin ich mittlerweile auch Teil einer Zweierschaft. Wir treffen uns einmal wöchentlich am gleichen Tag zur gleichen Zeit. Wir tauschen uns aus, sammeln unsere Gebetsanliegen und dann beten wir miteinander, füreinander, für unsere Lieben, für die Gemeinde, für die Stadt; kurz: für die Dinge, die eben anliegen. In dieser Regelmäßigkeit liegt eine große Chance. Wir werden uns immer vertrauter, gehen offen miteinander um, können uns Rat geben und Stütze sein.
Und wir erleben, wie Gott unsere Gebete erhört, uns ermutigt und wir gestärkt an unsere vielfältigen Aufgaben gehen.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen froh machende Erfahrungen mit dem Gebet und den Mut, auch unbekannte oder wenig vertraute Formen auszuprobieren. Ich wünsche uns, dass wir gemeinsam erleben, wie wichtig und gut das Gebet ist. Jesus ist bei uns, gerade dann, wenn wir uns in seinem Namen versammeln.
Anja Bär

Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz

Matthäus 6,21
Stimmt, denke ich. Wo mein Schatz ist, da ist mein Herz.

Wenn ich als Kind etwas vergaß, sagte meine Mutter oft zu mir: „Weil es dich nicht interessiert, darum hast du es vergessen!“ Ich dachte dann immer oder oft: „Woher willst du das wissen, du steckst doch nicht in mir drin!“

Wie auch immer, heute weiß ich, dass sie Recht hatte. Was mich interessierte, das erinnerte ich auch. Und was mich nicht interessierte… wie gesagt.

Ähnlich ist es mit den Dingen, die mir wertvoll und mit denen, die mir nicht so wertvoll sind. Als unsere großen Töchter klein waren, hatte ich einen wunderschönen handbemalten Glaskrug. Ich nutzte ihn so oft es mir möglich war. Am liebsten tat ich Wasser mit einer Scheibe Zitrone oder Ähnlichem rein. Oder auch einfach nur klares Wasser. Und dann zierte dieser Krug unser Wohnzimmer, Stube sagt man in Norden, lernte ich kürzlich. Also der Krug zierte unsere Stube und ich hegte und pflegte ihn. Obwohl ich wirklich nicht gern abwasche und mich über die Errungenschaft Geschirrspüler außerordentlich freue, spülte ich diesen Krug mit meinen Händen. Damit er nicht kaputt geht und damit das Streublumendekor nicht verblasst.
Eines Tages tobten die Kinder im Wohnzimmer und es kam wie es kommen musste, der Krug fiel. Ich war sauer. Aber so richtig. Ich regte mich auf und konnte den Verlust lange nicht verschmerzen. Bis ich eines Tages begriff: dieser Krug war schön, keine Frage. Aber er ist nicht unersetzlich. Das Vertrauen meiner Kinder in mich, das Vertrauen, dass sie viel mehr wert sind als so ein Glaskrug, ist viel wichtiger, es ist unersetzlich und wertvoll.

Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz, sagt Jesus. Er sagt dies im Rahmen der Bergpredigt im Matthäusevangelium. Schätze auf der Erde können von Motten zerfressen, von Dieben gestohlen oder eben durch alle möglichen Umstände zerstört werden. Schätze im Himmel hingegen sind unzerstörbar, sicher und halten ewig. Doch welche Schätze sollten das sein und wie komme ich an sie ran?

Seinen Nächsten lieben, materielle Werte nicht über die Person stellen, Friedensstifter sein, nicht immer auf mein Recht beharren, sich auch mal zurücknehmen… Es gibt viele Möglichkeiten und Wege, Schätze im Himmel zu sammeln.

Wie du lebst, was du tust, sagst und denkst, das macht dich aus. Das bestimmt deine Werte und damit deine Schätze.

Da wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. Wenn heute etwas zerbricht, zerreißt oder auf andere Weise kaputt geht, nehme ich das nicht mehr so wichtig. Ich kann diese ganzen Sachen nicht für die Ewigkeit behalten und oftmals haben sie nur für mich ihren Wert. Das halte ich mir heute vor Augen, wenn ich wieder einmal etwas wegwerfen muss, das kaputt ging.

Damit sage ich nicht, dass es mir egal ist, ob meine Sachen erhalten werden oder nicht. Aber es hat nicht mehr die enorme Bedeutung, die es mal hatte. Ich bin gelassener geworden, denn ich weiß, das Einzige, das wirklich wertvoll ist, sind meine Beziehungen, die zu meiner Familie und zu meinem Vater im Himmel. Und da will ich meinen Schatz und mein Herz haben.

Wo also dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. Und wo ist Dein Herz?

Anja Bär

Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! Matthäus 26,41

Es ist der letzte Abend, kurz vor dem Abschied. Sie haben zusammen gegessen, geredet und gefeiert. Und nun stehen die letzten gemeinsamen Stunden bevor. Bewusstes Abschied nehmen, bewusster Schritt zum Ziel. Er braucht jetzt Zeit für die Stille, Zeit für das Gebet, Zeit mit seinem Vater. Drei seiner engsten Freunde sollen mitkommen und mit ihm zusammen wachen und beten. Er weiß, dass die vor ihm liegende Zeit die schwerste Zeit seines Lebens sein wird. Da tut es gut, Leute um sich zu haben, die diese Zeit mittragen. „Bleibt hier und wacht mit mir, meine Seele ist betrübt bis in den Tod“ so spricht er mit ihnen. Eine kleine Bitte. Ein Wunsch. Seelsorge. Ein paar Schritte noch, dann der Zusammenbruch. „Vater, du kannst machen, dass ich das alles nicht ertragen muss. Aber ich will deinen Willen tun, nicht meinen.“ Die Freunde, die Seelsorger, schlafen. Es ist Nacht, sie hatten gefeiert. So ein Fest, das Fest der ungesäuerten Brote, ist ein fröhliches Fest. Es gibt wohl kaum einen besseren Grund, ausgelassen zu feiern, als die Erinnerung an Gottes große Taten. Dann änderte sich die Stimmung. Auch während des Festes waren schon immer wieder ernste Töne erklungen. Ankündigungen, Aufträge, eine Art Testament. Und schließlich der Aufbruch zum Garten Gethsemane. Und die Bitte an die Freunde zu wachen und zu warten. Wachen macht müde, beten und für andere sorgen auch. Menschen machen müde. Es ist kein Wunder, dass sie einschlafen. Trotz allen Verständnisses für die menschlichen Bedürfnisse ist da auch Enttäuschung. „Könnt ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?“ Und der Hinweis: „Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!“ Doch er kann auch nachvollziehen, was geschehen ist: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“ Das kann auch bedeuten: Ich verstehe, wie es euch geht. Das, was ich tun will, das tue ich nicht und das, was ich nicht tun will, das tue ich. Dennoch, sorgt dafür, dass ihr nicht schwach werdet. Ermutigt euch im Zweifel gegenseitig. Helft einander, im Gebet zu bleiben. Denn Beten ist die direkte Verbindung mit dem Vater. In Verbindung mit dem Vater aber ist die Versuchung deutlich geringer. Es sind die letzten Stunden, die Jesus mit seinen Freunden, mit seinen Jüngern verbringt. Sie sollen füreinander und für ihn da sein. Wachen und beten. Bleibt in der schweren Stunde bei mir, bittet er, helft mir, indem ihr da seid. Es müssen unvorstellbar schmerzhafte Stunden gewesen sein, die Jesus erlebte. Ich kann mir nicht im Entferntesten eine Vorstellung davon machen. Zu wissen oder zumindest zu ahnen, dass eine entsetzliche Zeit des Schmerzes, der Pein, des Leidens bevorsteht und nicht zu fliehen. Mein Instinkt würde mir sagen: Weg hier! Bloß raus aus der Geschichte, vielleicht kann ich ja noch mein Leben retten. Doch es gibt mehr als den Instinkt. Da ist die Beziehung zu Jesus, der bittet: Bleibt wach und betet, damit Anfechtung keinen Schaden anrichten kann. Immer wenn ich von Christen lese oder höre, die durch tiefe Täler gegangen sind, deren Leben extreme Einschnitte bereit hielt, die unvorstellbares Leid erlebten, lese oder höre ich zugleich von ihrer Verbindung mit Gott. Dass es das Gebet war, das sie nicht verzweifeln und aufgeben ließ. Dass das Gebet lebenswichtig wurde. Dass das Gebet, die Rede mit Gott, der Anker und die Zuflucht waren. Warum bittet Jesus seine Freunde, bei ihm zu bleiben? Braucht er sie wirklich nur für sich, für seine Seelenstärkung, als Unterstützung in den schwersten Stunden seines Lebens? Oder kann es auch sein, dass es für die Jünger wichtig war, bei ihrem Meister zu bleiben, ihn als ohnmächtig und zu Tode betrübt zu erleben? Als einer, dem keine menschliche Regung fremd ist? Ich bin froh, dass uns diese Geschichte überliefert ist. Zeigt sie mir doch, dass auch die Urväter des Christentums Menschen aus Fleisch und Blut waren, mit Bedürfnissen, Stärken und Schwächen. Und sie zeigt mir, dass sie immer wieder aus ihren natürlichen Reaktionen auf äußere Einflüsse aufgeschreckt werden. Dass Jesus selbst sich um ihr Wohlergehen sorgt, wenn er bittet, wacht und betet, damit ihr nicht in Anfechtung fallt. Man kann es auch positiv formulieren: damit ihr stark werdet und euch Anfechtung nicht umhaut. Ich erlebe es, dass Jesus mich ermutigt, im Gebet zu bleiben, damit ich stark werde. Ich erlebe es, dass Jesus mich aus meinen natürlichen Reaktionen aufschreckt und mir den Auftrag gibt, anders zu reagieren. Ich erlebe es, dass Jesus mich mitnimmt, mich ernst nimmt und mich bittet zu bleiben. „Welch ein Freund ist unser Jesus, o wie hoch ist er erhöht?“ lautet die erste Zeile eines sehr alten Lobpreisliedes. Das erlebe ich: Jesus der Freund, der mich ermutigt, ermahnt, mir hilft, dran zu bleiben, mich aus dem täglichen Einerlei aufschreckt , damit ich tue, wozu ich beauftragt bin. Ich wünsche mir, dass wir gerade jetzt in der Passionszeit, diese Erfahrung immer wieder machen und sie als beglückend erleben. Anja Bär

Bei Gott allein kommt meine Seele zur Ruhe; denn von ihm kommt meine Hoffnung. „Angedacht“ zum Monatsspruch März

Es gibt Zeiten, in denen scheint alles zu gelingen. Man hat Kraft ohne Ende, sprüht nur so vor Energie, hat Hoffnung für zehn und kann durch nichts erschüttert werden. Und es gibt andere Zeiten. In denen schleppt man sich durch den Tag, der zu früh anfängt und kein Ende zu finden scheint. Aufgaben, die sonst mit links erfüllbar sind, scheinen plötzlich groß wie der Mount Everest, Menschen mit überschäumender Energie wirken bedrohlich und jeder noch so kleine Windhauch wirkt wie ein mittelgroßer bis schwerer Orkan.

Zugegeben, die Darstellung ist etwas überzeichnet. Und doch liegt viel Wahrheit darin. Nicht umsonst reden immer mehr Menschen vom Burnout, von der totalen Erschöpfung. Nicht umsonst boomt die Wellnessbranche. Nicht umsonst sind immer mehr Menschen in unserer westlichen Welt auf der Suche nach dem, was wirklich Halt und Hoffnung gibt.

Die Seele hinkt hinterher, angesichts der rasanten Entwicklungen und des Überangebots der Möglichkeiten. Ruhe findet mensch nur noch selten, echte Ruhe scheint ein Fremdwort zu sein. Oft regiert die Angst, etwas zu verpassen, die falsche Entscheidung getroffen zu haben, zu wenig Zeit für die wichtigen Dinge im Leben zu haben. Und dieses Gefühl hat erst einmal Recht. Doch wo kommt es her und wie kann es sich verändern?

Der Psalmist schreibt: Bei Gott allein kommt meine Seele zur Ruhe; denn von ihm kommt meine Hoffnung. (Ps 62,6)

Hier wird ein Zusammenhang beschrieben. Hoffnung und Seelenfrieden oder Ruhe hängen zusammen. Ein Mensch ohne Hoffnung findet keinen Frieden. Das erschließt sich mir, das finde ich schlüssig. Nicht umsonst hört man immer wieder, gerade in schwierigen Situationen: „Die Hoffnung stirbt zuletzt“. Über den Sinn oder Unsinn dieses Sprichwortes zu debattieren ist an dieser Stelle unnötig. Doch spricht hieraus doch eine Sehnsucht, die Sehnsucht, dass es immer noch etwas zu hoffen gibt.

Der Psalmbeter weiß, echte Hoffnung kann nur Gott geben. Echte Zuversicht, eine gute Zukunftsaussicht kommt nicht von Menschen, sie kommt vom Schöpfer des Himmels und der Erde, von dem, der sich nicht zu schade war, ein Mensch zu werden, damit wir echte Hoffnung haben können. Hoffnung worauf?

Hoffnung auf Leben, auf Zukunft, auf Frieden, auf Ruhe. Hoffnung auf eine neue, eine bessere Welt. Das ist naiv? Vielleicht. Aber auch der Glaube ist nicht logisch. Darum möchte ich lieber naiv sein und hoffen, denn diese Hoffnung kommt von Gott. Und diese Hoffnung macht meine Seele ruhig, lässt mich gelassener werden und nicht aufgeben, wenn die Berge groß und die Kraft mal wieder so klein ist.

Anja Bär

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem

Römer 12,21
Die Jahreslosung 2011 ist dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinden in Rom entnommen. Es handelt sich hierbei sowohl um eine Ermutigung als auch eine Ermahnung. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“
Das Ermutigende daran ist die Aussage: das Böse ist zu überwinden. Es muss dich weder knechten noch dein Leben versauern. Das Böse lässt sich durch das Gute überwinden.
Doch was ist das Böse überhaupt? Ist damit nur das Entsetzliche gemeint, die Lebenskatastrophe, die Verfolgung, Verleumdung, das Wirken anderer, das mir mein Leben erschwert? Und was ist das Gute? Sind es die Taten eines Samariters, einer Mutter Theresa oder eines Johannes Paul XIII.?
Und das ist die Ermahnung, denn das Böse ist viel mehr und zugleich viel weniger als das oben Genannte. Das Böse sind die vielen kleinen Details in meinem Leben, die die Atmosphäre vergiften, mir die Freude am Leben nehmen, den Umgang mit anderen Menschen erschweren. Die überzogenen Erwartungen ebenso wie die Unfähigkeit über Enttäuschungen zu sprechen. Das Böse ist das, was ich unterlasse wenn es darum geht, Licht der Welt und Salz der Erde zu sein. Das Böse ist das Wegsehen, ignorant oder einfach nur desinteressiert sein.
Das Gute ist ebenso viel mehr und viel weniger zugleich als das oben Genannte. Das Gute ist die Entscheidung, nicht in das gleiche Horn wie die Masse zu stoßen. Das Gute tun kann auch heißen, auf mein Recht zu verzichten. Das Gute ist dann getan, wenn ich es geschafft habe, meinen eigenen Schatten zu überspringen und auf den zuzugehen, der mich verletzt hat, der mir „quer im Magen liegt“. Es ist nicht leicht, das gebe ich gern zu, aber es ist gut.
Der Apostel Paulus erklärt im letzten Abschnitt des Briefes an die Römer, wie ein Leben aussieht, das sich an Jesus Christus orientiert und dem Willen Gottes folgt. In den Versen, die Vers 12 vorangehen, stellt er sehr praktisch dar, wie unser Leben als Christen aussehen soll:
Segnet, die euch verfolgen, ahndet nicht Böses mit Bösem, haltet mit allen Menschen Frieden, übt keine Vergeltung, speist eure Feinde und stillt ihren Durst.
Wurdet ihr auch an die Bergpredigt aus dem Matthäusevangelium erinnert? Es ist offenbar nicht des Apostels eigene Idee, solche hohen Maßstäbe an ein Leben in der Nachfolge Christi zu legen. Doch liegt die Latte nicht etwas hoch? Wer kann so leben, wer sich immer zurück nehmen, für die beten, die ihm Böses wollen, denen, die ihn schlugen auch noch die andere Wange hinhalten?
Wir müssen das nicht allein schaffen. Das ist doch sehr befreiend oder? Zum Einen leben wir in einer Glaubensgemeinschaft, die einander Stärkung geben kann. Wir sind Gemeinde des lebendigen Gottes, gehören zusammen und dort wo wir einmütig vor Gott treten und in der Welt wirken, können wir die Welt im Sinne des Evangeliums verändern. Zum Anderen, und ich denke Wichtigeren, sind wir Kinder Gottes und können uns auf seine Zusage verlassen, dass er bei uns sein wird bis ans Ende der Welt. Wir müssen die Herausforderung nicht allein angehen. Aber wir müssen sie angehen. Wir sind mit der Jahreslosung aufgefordert, die Hände aus dem Schoß zu nehmen, aktiv Gutes zu tun und damit das Böse in der Welt zu überwinden. Wie genau das aussieht, ist der Kreativität und Begabung des Einzelnen überlassen. Fang einfach an, entscheide dich, nicht zurückzuschlagen – ob verbal oder tatsächlich. Sei ein Friedensstifter und überwinde so das Böse mit Gutem.

Anja Bär

Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben

Zwei Gedenk- und Feiertage liegen vor uns, der Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober und der Tag des Mauerfalls am neunten November. Ein Tag zum Feiern und ein Tag, um still zu werden und sich an Vergangenes zu erinnern.
Vor zwanzig Jahren wurde aus dem geteilten Deutschland wieder ein Land. Wiedervereinigung sagen die einen, Anschluss die anderen. Wie auch immer man dieses Ereignis bewertet, der 3. Oktober ist kein Tag, an dem wir traurig sein müssten.
Vor einundzwanzig Jahren fiel die Berliner Mauer und danach die ganze Trennungslinie, die Deutschland in Ost und West teilte. Am neunten November geschah das Ganze und es ist ein Wunder, wie schnell und friedlich diese umwälzenden Veränderungen geschahen. Eigentlich also eher ein Grund zur Freude als zur Besinnung?
Der neunte November wird gern als „der deutsche Schicksalstag“ bezeichnet. Und wenn man sich in die Geschichte unseres Volkes vertieft, scheint diese Bezeichnung auch zu treffen: Im Jahr 1843 markiert dieser Tag den Anfang vom Ende der Märzrevolution. Fünfundsiebzig Jahre später, im Jahr 1918, wird nach dem Abdanken des Kaisers durch Philipp Scheidemann die erste deutsche Republik ausgerufen. Am 9. November 1923 kommt es zum Putschversuch durch Hitler und Ludendorff vor der Münchner Feldherrenhalle, und genau 15 Jahre später, im Jahr 1938, findet die Reichspogromnacht statt, in deren Folge tausende Menschen jüdischer Herkunft verschleppt und ermordet werden. Ein halbes Jahrhundert danach fällt die Berliner Mauer nach wochenlangen Montagsdemos, bei denen tausende Menschen ihren Wunsch nach Freiheit und Gerechtigkeit in die Welt riefen. Achtundzwanzig Jahre lang hatte diese Mauer die Menschen in Ost und West voneinander getrennt.
Mauern können ein echtes Problem sein. Sie können schützen und absichern, in erster Linie aber trennen sie. Überall auf der Welt trifft man auf Mauern, und ich finde sie immer etwas bedrohlich. Was hinter Mauern geschieht, sieht man nicht. Doch am schlimmsten sind die unsichtbaren Mauern in den Köpfen von uns Menschen, und ich wage zu behaupten, dass es niemanden gibt, der ohne Mauern lebt. Ihre Ziegel sind aus Erfahrungen gebrannt, der Mörtel aus Vorurteilen zusammengemischt und die Stabilität kommt durch Furcht. Und so stehen sie Jahr für Jahr und trennen Menschen von Menschen. Solche Mauern zum Einstürzen zu bringen oder sich zu ihrem Rückbau zu entschließen ist ein schwieriges Unterfangen. Oft benötigen wir dafür schier übermenschliche Kräfte, denn Erfahrungen sind nicht auszulöschen, Vorurteilen kann man nur mit Mühe ausweichen und Furcht gehört zum Leben einfach dazu.
In unsere Furcht hinein ist uns in der Bibel aber zugesagt: Gott hat uns KEINEN Geist der Furcht gegeben, SONDERN einen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. (2.Tim 1,7)
Wir brauchen uns nicht zu fürchten, denn Gott hat uns Kraft, Liebe und Besonnenheit geschenkt: Kraft, um die Dinge auszuhalten und schwere Erfahrungen zu tragen; Liebe, um dem anderen offen und ohne Vorbehalte zu begegnen; Besonnenheit, um gerade in neuen Situationen, die furchterregend scheinen, nicht schreiend wegzulaufen und die Mauer wieder aufzubauen, sondern um aus der Kraft GOTTES heraus die Dinge des Lebens anzugehen.
Dafür bin ich sehr dankbar und kann den deutschen Schicksalstag mit der Hoffnung begehen, dass es eines Tages keine Mauern mehr geben muss und gibt, dass der neunte November 1989 nur der Anfang zu echter Freiheit war.

Anja Bär

Geistliches Wort

Im Jahr der Stille könnte unser Tag folgendermaßen beginnen:

Ritual: Mein Weg in den Tag
Entspannen
Ausatmen – einatmen
Sich sammeln
Hinschauen auf eine Blume
Auf ein Bild – eine Kerze
Einem Wort nachsinnen
Hindenken zu Menschen
Denen ich verbunden bin
Die Augen schließen
Schweigen
Sich öffnen
Hören
Hier bin ich vor dir, o Gott
Heilende Stille
Ich atme
Ich öffne die Augen
Hier bin ich
Vor mir der Weg in den Tag
Ich bin beschenkt
Ich gehe

Liese Hoefer

Wir wissen, dass unser Leben voller Unsicherheiten ist. Wie oft grübeln wir: Was wird morgen sein? Habe ich im nächsten Monat noch Arbeit? Wird die Diagnose des Arztes meine Befürchtungen bestätigen? Was bringt das nächste Jahr? Wie wird es meinen Kindern gehen?

Wir dürfen beten:
Begleite mich, mein Gott, wenn die Wege steinig werden.
Hilf mir wieder auf, wenn ich deine Hand verloren habe.
Dein Weg ist richtig für mich. Denn du bist es Gott, der mich führt.
Dein starker Arm rettet mich heraus aus Niederlagen und Stürzen.
Du führst nicht in die Irre. Hilf mir, dich nicht aus den Augen zu verlieren.

Von Gott, unserem Herrn, versichert uns der Psalm 23: Er führet uns auf rechter Straße um seines Namens willen. Er ist der Einzige, der den ganzen Weg kennt. Er bürgt für uns mit seinem Namen. Weil seine Liebe uns alle einschließt, schützt er uns mit seinem Siegel. Er gibt im Voraus sein Versprechen, dass er alles, auch das Äußerste für uns tun will. Darum hat er uns mit dem Kreuzeszeichen versehen. Er hat uns eine neue Identität gegeben, die uns an ihn bindet. Wir sind sein Eigentum mit Entscheidungsfreiheit. Aber auch mit einem tollen Zeugenschutzprogramm.

Damit genießen wir viele Vorzüge. Einer ist die ständige Hotline im Gebet ohne Besetztzeichen. Die ist nicht zu vergleichen mit einer ständigen Verfügbarkeit Gottes. Denn bei ihm lautet die Antwort manchmal auch: Bitte warten. Wenn wir die Antwort akzeptieren, sind wir auf dem richtigen Weg.

Christa Hoefs

Gott spricht: Suchet mich, so werdet ihr leben. Amos 5,4

Heute glauben in Deutschland mehr Menschen an Engel oder an eine höhere Macht als an Gott, als an den Gott, der dem Menschen persönlich begegnen will und es auch kann. Warum ist es eigentlich leichter und schlüssiger an etwas Diffuses zu glauben, als an den Schöpfer der Welt?

Bischof Huber beschrieb 2007 in einem Interview die Lage der Volkskirche so: „Man will ein Gefühl der Erhabenheit, aber es soll einem nicht zu nahe kommen. Menschen wollen ein Gefühl des Behütetseins haben, aber nicht dabei gefordert sein. Sie wollen bewahrt sein, aber nicht zur Rechenschaft verpflichtet. Der Glaube soll mir etwas geben, aber möglichst nichts fordern.“ [1]

Vor ca. 2700 Jahren lebte in Israel der Prophet Amos. Es war eine Zeit der Blüte. König Jerobeam II. herrschte damals 41 Jahre über das Nordreich, in dem auch Amos tätig war. Für damalige Verhältnisse war es eine ausgesprochen friedliche Zeit mit gelegentlichen Zwischenfällen ohne größere Bedeutung. Wohlstand und Zufriedenheit werden wohl die äußeren Zeichen dieser Zeit gewesen sein. Es wurden Feste gefeiert, Jubelgesänge angestimmt. In diese Feststimmung hinein stimmt der Prophet eine Totenklage an: „Gefallen ist die Jungfrau Israel, hingestreckt liegt sie am Boden, niemand richtet sie auf! Euer eigener satter Boden wird zum Leichenbett!“. Amos war ein Prophet, der in sehr drastischer Weise den Finger in Missstände und Problemfelder legte. Er sah soziale Ungerechtigkeit, Überheblichkeit und Bereicherung auf Kosten der Armen und er sprach darüber. Er übernahm Verantwortung für das was er sah, denn es berührte ihn, ließ ihn nicht kalt.

Amos sah, was die Folge des dekadenten und überbordenden Lebenswandels seiner Landsleute sein würde: das Aus. Er prangerte ihren Lebensstil auf Kosten der Armen an, er kritisierte die dauernde Rechtsbeugung und stellte die Formen und den Stil des Gottesdienstes in Frage. Geht es um Gott, oder geht es um euch? Fragt ihr nach Gottes Willen oder steht euer eigener Wille über dem Gottes? Amos suchte nach einem Weg, seine Hörer zu erreichen, er wollte sie zur Umkehr bewegen: „Sucht mich, spricht Gott, so werdet ihr leben!“

Doch was bedeutet es, was passiert, wenn man Gott sucht, wenn man sich auf den lebendigen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde einlässt und sich von ihm bewegen lässt?

Dann werden Traditionen hinterfragt, eingeschliffene Verhaltensmuster verändert, alte Bräuche wiederentdeckt, Rituale überarbeitet. Dann werden Menschen mit neuen Augen gesehen, wird Versöhnung möglich, wo vorher Grabenkämpfe an der Tagesordnung waren. Dann wird die Ungerechtigkeit beim Namen genannt und nicht länger hingenommen, dann geht es nicht mehr länger nur um mich, sondern zunehmend um dich und um uns. Und aus distanziertem Engelglaube wird nahbarer Gottesglaube.

Dann wird aus einer: „KommmirnichtzunaheGott-Einstellung“eine „Jesusberühremich-Lebenshaltung“. Und das bedeutet Leben, denn Leben bedeutet: Berührung, Veränderung, Entwicklung, Wahrnehmen, Lieben, füreinander da Sein, Verantwortung für sich und für andere übernehmen. Das ist Leben, das ist Leben nach dem Willen Gottes, und es ist sinnvolles und erfülltes Leben.

Suchet mich, spricht Gott, dann werdet ihr leben!

Anja Bär


[1] Interview in der „Zeit“ Nr. 47, 2007.