Der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt und dem Menschen, der nach ihm fragt.

Es gibt Zeiten, in denen wir jubeln und tanzen möchten, so reich und erfüllt erleben wir unser Leben. Wir können uns nicht vorstellen, dass es jemals anders sein könnte und aller Lebenserfahrung zum Trotz fühlen wir uns auf der Gewinnerseite.
Und dann erleben wir Zeiten, in denen wir schreien, toben, weinen, klagen möchten und es auch tun. „Wo bist Du Gott?“, möchten wir fragen, oder auch „Warum passiert mir genau dies?“ – wenn wir mutig sind, dann tun wir das auch. Häufig kommen dann Zweifel: „Darf ich das? Muss ich nicht vielmehr voller Demut annehmen, was Gott mir auferlegt hat?“ und „Was bringt die Frage nach dem Warum überhaupt? Sollte ich nicht lieber Wozu fragen?“. Ich kann solche Zweifel gut verstehen, hat doch der Apostel Paulus im Brief an die Gemeinden in Rom bekannt, dass denen, die Gott lieben alle Dinge zum Besten dienen (zum Nachlesen: die Bibel, Brief an die Gemeinden in Rom, Kap. 8,28). Also auch die Dinge, die Kummer und Leid hervorbringen oder?

Der Monatsspruch für Oktober ist ein Zwischenruf, eine Erkenntnis mitten in der Klage, vielleicht einer der Gründe für die Aussage des Paulus (s.o.) Er steht in den Klageliedern im Alten oder besser Ersten Testament die von dem großen Verlust Jerusalems und dem damit zusammenhängenden Leid handeln. Fünf Lieder beschäftigen sich damit. Themen sind: die Verwüstung Jerusalems, der Zorn Gottes, die Gefühle der Hinterbliebenen. Ein ganzes Buch voll Klage und mittendrin dieser Zwischenruf, dieser Vers, der, im Zusammenhang gelesen, durchaus verwirren kann:
Dies nehme ich zu Herzen, darum hoffe ich noch: Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.

Wie passt das zusammen, das große Wehklagen und plötzlich solch ein Hoffnungsschimmer, solche Zuversicht?
Wann immer ich Menschen in Leidsituationen erlebe, stelle ich fest, dass diese kaum in der Lage sind, nach vorn zu schauen. Oft sind Worte fehl am Platze, Schweigen ist angemessener. Was soll man auch sagen ohne hohl zu klingen?
Die Klagelieder und auch diverse Klagepsalmen können uns hier eine Hilfe sein. Denn zunächst werden wir ermutigt zu klagen, unsere Gefühle, gerade auch das Warum zu formulieren, es vor Gott zu tragen, in dessen Händen die ganze Welt liegt. Wir dürfen also klagen und wir dürfen uns auch darin üben, die Klage des Anderen auszuhalten.
Wenn die Klage sich dabei an den wendet, der unser Leben und damit auch unseren Schmerz in seinen Händen trägt, dann wird die Klage sich in Zuversicht verwandeln. Wenn Gott der Adressat unserer Klage und unseres Schmerzes ist, dann werden wir erkennen, dass ER tatsächlich freundlich ist, dass wir IHM nicht egal sind. Dann wird aus unserer Klage die Erkenntnis wachsen, dass der HERR freundlich ist dem, der auf ihn harrt, dem der nach ihm fragt.

Anja Bär