Durch Gottes Gnade bin ich was ich bin. (1.Kor 15,10a)

Ich bin was ich bin durch die Gnade Gottes.
Ich bin was ich bin. Was bin ich, wer bin ich und wie bin ich? Das sind Fragen, die Menschen durch alle Generationen immer wieder bewegen. Manchmal fällt die Antwort leicht: Es ist alles klar im Leben, die Beziehungen sind geklärt, man steht mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen und weiß, was, wer und wie man ist. Und dann gibt es Zeiten, in denen auf eine solche Frage Zögern, Stottern, Ratlosigkeit folgt. Was bin ich eigentlich – oder mit dem Titel eines bekannten philosophischen Buches gefragt: Wer bin ich und wenn ja wie viele?
Diese Frage nach der Person ist eine zutiefst existenzielle Frage. Was bin ich?
Trifft man alte Freunde, Klassenkameraden, Kommilitonen oder Kollegen auf der Straße, beim Einkauf oder sonst wo, kommt schnell die Frage auf: Was bist du (geworden)? Und die Antwort ist in der Regel ein Verweis auf das, was der Gefragte tut. Ich sage dann: „Ich bin Pastorin. Und Mutter. Und Ehefrau.“ Oft nenne ich tatsächlich diese drei „Merkmale“ in dieser Reihenfolge. Ich habe mich schon mehrfach dabei „erwischt“, wie ich zuerst meinen Beruf nenne und mich gefragt, warum so und nicht anders und warum nicht noch mehr? Klar, ich bin leidenschaftlich gern Pastorin und Mutter und Ehefrau. Aber bin ich nicht noch viel mehr: Geliebtes Kind Gottes, Berufene, Gesehene, Angenommene, Befreite und Pastorin, Ehefrau und Mutter?
Dem Apostel Paulus ist diese Frage offenbar auch gestellt worden. Ihr Wortlaut ist uns nicht überliefert. Aber in dem Brief an die Gemeinde in Korinth geht es viel um die Frage der Autorisierung des Apostels. Was bist du und wie kommst du auf die Idee, dass du uns was zu sagen hättest? Diese Frage schimmert durch den ganzen Brief. Paulus hatte die Gemeinde gegründet und muss nun feststellen, dass einige merkwürdige, ja irreführende Ansichten und Erkenntnisse entstanden waren und sich verfestigt hatten. Paulus bespricht darum mit den Korinthern moralische und ethische Fragen genauso wie die Frage nach dem Evangelium, das von der Gnade Gottes spricht, die allein für die Versöhnung des Menschen mit Gott grundlegend ist.
Ich bin ein Apostel, ein Gesandter Jesu, sagt Paulus der Gemeinde. Ich bin zwar der Geringste unter den Aposteln, denn ich habe die Gemeinde Gottes verfolgt, aber: Ich bin ein Apostel. Ich habe Jesus gesehen und zwar nach seiner Auferstehung. Ich war ein Kämpfer gegen und bin jetzt ein Kämpfer für Christus. Ich bin einer, der ganz in Gottes Dienst steht. Ich bin ein Berufener. Habe ich dafür irgendetwas getan? War ich besonders treu oder fromm? Habe ich mich durch besondere Leistungen hervorgehoben, sodass Jesus gar nicht anders konnte, als mich zu erwählen? Nein, es ist die Gnade Gottes, die mich zu dem gemacht hat, was ich bin. Zu einem Gesandten, einem der das Evangelium in die Welt trägt.
Es ist die Gnade Gottes, die mich zu dem gemacht hat, was ich bin. Ich erinnere mich an einen Gottesdienst vor langer Zeit in der Cantianstraße in Berlin, in dem gefragt wurde, was es denn mit der Gnade Gottes auf sich hat. Die Kinder vom Kindergottesdienst gingen in die Reihen und suchten sich Leute aus, die ihnen diese Frage beantworten sollten. Ich erinnere auch, wie ich mich ganz klein machte, um nur nicht befragt zu werden. Ich wurde nicht gefragt und war wirklich froh darüber, denn ich hätte keine Antwort gewusst.
Seitdem hat mich die Frage nie mehr ganz losgelassen: Was ist die Gnade Gottes?
Die Bibel versteht Gnade Gottes als unbedingte Zuwendung Gottes zu uns Menschen, ohne dabei anzusehen, was, wer und wie wir sind. Gott wendet sich uns Menschen zu. Ohne Bedingungen, ohne Leistungen zu erwarten oder zu fordern. Und so kann auf die Frage: Was bist du? die Antwort lauten: ich bin ein Mensch, dem Gott sich zugewendet hat, der von Gott geliebt, gesehen und angesprochen wird und der von Gott berufen ist, dies alles zu verkünden, in die Welt zu tragen, damit auch andere Menschen erfahren können, dass Gott sich ihnen ganz zuwendet.
„Durch die Gnade Gottes bin ich was ich bin“ schreibt Paulus nach Korinth. Ich bin einer, dem Gott sich zugewendet hat, als es nach menschlichem Ermessen keinen Grund dafür gegeben hätte. Ich bin ein Geliebter, Gesehener, Angesprochener und ich habe eine Aufgabe.
Diese Gnade Gottes, die uns zu etwas macht und uns beauftragt, gilt nicht nur Paulus, sie gilt jedem Menschen, denn Gott wendet sich uns zu, ohne Bedingungen, in Jesus Christus.
Anja Bär