Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben

Zwei Gedenk- und Feiertage liegen vor uns, der Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober und der Tag des Mauerfalls am neunten November. Ein Tag zum Feiern und ein Tag, um still zu werden und sich an Vergangenes zu erinnern.
Vor zwanzig Jahren wurde aus dem geteilten Deutschland wieder ein Land. Wiedervereinigung sagen die einen, Anschluss die anderen. Wie auch immer man dieses Ereignis bewertet, der 3. Oktober ist kein Tag, an dem wir traurig sein müssten.
Vor einundzwanzig Jahren fiel die Berliner Mauer und danach die ganze Trennungslinie, die Deutschland in Ost und West teilte. Am neunten November geschah das Ganze und es ist ein Wunder, wie schnell und friedlich diese umwälzenden Veränderungen geschahen. Eigentlich also eher ein Grund zur Freude als zur Besinnung?
Der neunte November wird gern als „der deutsche Schicksalstag“ bezeichnet. Und wenn man sich in die Geschichte unseres Volkes vertieft, scheint diese Bezeichnung auch zu treffen: Im Jahr 1843 markiert dieser Tag den Anfang vom Ende der Märzrevolution. Fünfundsiebzig Jahre später, im Jahr 1918, wird nach dem Abdanken des Kaisers durch Philipp Scheidemann die erste deutsche Republik ausgerufen. Am 9. November 1923 kommt es zum Putschversuch durch Hitler und Ludendorff vor der Münchner Feldherrenhalle, und genau 15 Jahre später, im Jahr 1938, findet die Reichspogromnacht statt, in deren Folge tausende Menschen jüdischer Herkunft verschleppt und ermordet werden. Ein halbes Jahrhundert danach fällt die Berliner Mauer nach wochenlangen Montagsdemos, bei denen tausende Menschen ihren Wunsch nach Freiheit und Gerechtigkeit in die Welt riefen. Achtundzwanzig Jahre lang hatte diese Mauer die Menschen in Ost und West voneinander getrennt.
Mauern können ein echtes Problem sein. Sie können schützen und absichern, in erster Linie aber trennen sie. Überall auf der Welt trifft man auf Mauern, und ich finde sie immer etwas bedrohlich. Was hinter Mauern geschieht, sieht man nicht. Doch am schlimmsten sind die unsichtbaren Mauern in den Köpfen von uns Menschen, und ich wage zu behaupten, dass es niemanden gibt, der ohne Mauern lebt. Ihre Ziegel sind aus Erfahrungen gebrannt, der Mörtel aus Vorurteilen zusammengemischt und die Stabilität kommt durch Furcht. Und so stehen sie Jahr für Jahr und trennen Menschen von Menschen. Solche Mauern zum Einstürzen zu bringen oder sich zu ihrem Rückbau zu entschließen ist ein schwieriges Unterfangen. Oft benötigen wir dafür schier übermenschliche Kräfte, denn Erfahrungen sind nicht auszulöschen, Vorurteilen kann man nur mit Mühe ausweichen und Furcht gehört zum Leben einfach dazu.
In unsere Furcht hinein ist uns in der Bibel aber zugesagt: Gott hat uns KEINEN Geist der Furcht gegeben, SONDERN einen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. (2.Tim 1,7)
Wir brauchen uns nicht zu fürchten, denn Gott hat uns Kraft, Liebe und Besonnenheit geschenkt: Kraft, um die Dinge auszuhalten und schwere Erfahrungen zu tragen; Liebe, um dem anderen offen und ohne Vorbehalte zu begegnen; Besonnenheit, um gerade in neuen Situationen, die furchterregend scheinen, nicht schreiend wegzulaufen und die Mauer wieder aufzubauen, sondern um aus der Kraft GOTTES heraus die Dinge des Lebens anzugehen.
Dafür bin ich sehr dankbar und kann den deutschen Schicksalstag mit der Hoffnung begehen, dass es eines Tages keine Mauern mehr geben muss und gibt, dass der neunte November 1989 nur der Anfang zu echter Freiheit war.

Anja Bär