Gott spricht: Suchet mich, so werdet ihr leben. Amos 5,4

Heute glauben in Deutschland mehr Menschen an Engel oder an eine höhere Macht als an Gott, als an den Gott, der dem Menschen persönlich begegnen will und es auch kann. Warum ist es eigentlich leichter und schlüssiger an etwas Diffuses zu glauben, als an den Schöpfer der Welt?

Bischof Huber beschrieb 2007 in einem Interview die Lage der Volkskirche so: „Man will ein Gefühl der Erhabenheit, aber es soll einem nicht zu nahe kommen. Menschen wollen ein Gefühl des Behütetseins haben, aber nicht dabei gefordert sein. Sie wollen bewahrt sein, aber nicht zur Rechenschaft verpflichtet. Der Glaube soll mir etwas geben, aber möglichst nichts fordern.“ [1]

Vor ca. 2700 Jahren lebte in Israel der Prophet Amos. Es war eine Zeit der Blüte. König Jerobeam II. herrschte damals 41 Jahre über das Nordreich, in dem auch Amos tätig war. Für damalige Verhältnisse war es eine ausgesprochen friedliche Zeit mit gelegentlichen Zwischenfällen ohne größere Bedeutung. Wohlstand und Zufriedenheit werden wohl die äußeren Zeichen dieser Zeit gewesen sein. Es wurden Feste gefeiert, Jubelgesänge angestimmt. In diese Feststimmung hinein stimmt der Prophet eine Totenklage an: „Gefallen ist die Jungfrau Israel, hingestreckt liegt sie am Boden, niemand richtet sie auf! Euer eigener satter Boden wird zum Leichenbett!“. Amos war ein Prophet, der in sehr drastischer Weise den Finger in Missstände und Problemfelder legte. Er sah soziale Ungerechtigkeit, Überheblichkeit und Bereicherung auf Kosten der Armen und er sprach darüber. Er übernahm Verantwortung für das was er sah, denn es berührte ihn, ließ ihn nicht kalt.

Amos sah, was die Folge des dekadenten und überbordenden Lebenswandels seiner Landsleute sein würde: das Aus. Er prangerte ihren Lebensstil auf Kosten der Armen an, er kritisierte die dauernde Rechtsbeugung und stellte die Formen und den Stil des Gottesdienstes in Frage. Geht es um Gott, oder geht es um euch? Fragt ihr nach Gottes Willen oder steht euer eigener Wille über dem Gottes? Amos suchte nach einem Weg, seine Hörer zu erreichen, er wollte sie zur Umkehr bewegen: „Sucht mich, spricht Gott, so werdet ihr leben!“

Doch was bedeutet es, was passiert, wenn man Gott sucht, wenn man sich auf den lebendigen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde einlässt und sich von ihm bewegen lässt?

Dann werden Traditionen hinterfragt, eingeschliffene Verhaltensmuster verändert, alte Bräuche wiederentdeckt, Rituale überarbeitet. Dann werden Menschen mit neuen Augen gesehen, wird Versöhnung möglich, wo vorher Grabenkämpfe an der Tagesordnung waren. Dann wird die Ungerechtigkeit beim Namen genannt und nicht länger hingenommen, dann geht es nicht mehr länger nur um mich, sondern zunehmend um dich und um uns. Und aus distanziertem Engelglaube wird nahbarer Gottesglaube.

Dann wird aus einer: „KommmirnichtzunaheGott-Einstellung“eine „Jesusberühremich-Lebenshaltung“. Und das bedeutet Leben, denn Leben bedeutet: Berührung, Veränderung, Entwicklung, Wahrnehmen, Lieben, füreinander da Sein, Verantwortung für sich und für andere übernehmen. Das ist Leben, das ist Leben nach dem Willen Gottes, und es ist sinnvolles und erfülltes Leben.

Suchet mich, spricht Gott, dann werdet ihr leben!

Anja Bär


[1] Interview in der „Zeit“ Nr. 47, 2007.