Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid. Epheser 1,18

Eine der schwierigsten Fragen im neuen Testament ist für mich ohne Zweifel die Frage Jesu an den blinden Bartimäus: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“
Was willst du, dass ich für dich tun soll! Was würde ich antworten, wenn Jesus jetzt vor mir stünde und mir diese Frage stellte. Was willst du, dass ich für dich tun soll?
Ich habe mich vor einiger Zeit dieser Frage gestellt und herausgefunden, dass ich keine befriedigende Antwort finde. Es ist ja nicht so, dass Jesus eine Wunschliste anfordert. Was willst du ist die Frage nach einem Wunsch. Ein Herzenswunsch könnte damit gemeint sein. Doch weiß ich überhaupt, was mein Herz wünscht? Bin ich imstande diesen Wunsch zu formulieren? Bartimäus hatte es da leichter, dachte ich beim ersten Nachdenken. Es war schließlich offensichtlich, was er sich wünschen sollte. Ich meine, er war blind. Er konnte nur hören, riechen, tasten. Da muss man sich doch das Sehen dazu wünschen… oder?
Doch ich merkte schnell, dass das nicht stimmt. Sehen zu können hat viele Vorteile, keine Frage. Und wer jetzt, zu Beginn des Frühjahrs, bewusst durch die Natur geht, erkennt, was für ein Geschenk es ist, sehen zu können. Doch sehen zu können hat auch Schattenseiten. Sehen erfordert nämlich immer eine Reaktion. Sehen erfordert, tätig zu werden. Ich kann nicht guten Gewissens weiter gehen, wenn ich jemandem in Not begegne. Ich kann nicht meine Augen verschließen vor Ungerechtigkeit und Unbarmherzigkeit. Ich muss reagieren, Verantwortung übernehmen.
Und die Blindheit hatte Bartimäus eigentlich ein erträgliches Einkommen verschafft. Das könnte zynisch klingen, entsprach aber der Realität. Er wurde wegen seiner Behinderung von der Gesellschaft versorgt. Die Leute sorgten für ihn, indem sie ihm Almosen zukommen ließen. Sehen zu können hieße, darauf zu verzichten und fortan selbst verantwortlich für den Lebenserhalt zu sein. Eine schwierige Entscheidung. Es ist nicht überliefert, wie lange Bartimäus schon blind war und ob er jemals die überbordende Schönheit der Erde sehen konnte. Gehen wir davon aus, dass er es nicht konnte. Vielleicht haben ihm Sehende erzählt, was es alles zu sehen gibt, wie schön und bunt die Welt ist und welcher Geruch zu welcher Form gehört. Vielleicht haben sie die Sehnsucht nach dem Sehen in ihm geweckt. „Was willst du, dass ich dir tun soll?“ fragt Jesus den blinden Mann. „Dass ich sehend werde“ lautet dessen Antwort.
Was für eine Bitte! Dass ich sehend werde.

Im Brief an die Gemeinde in Ephesus bekennt der Schreiber, dass er für die Gemeinde vor Gott im Gebet eintritt. Gleich am Anfang des Briefes schreibt er: „Ich denke in meinen Gebeten an euch und bete darum, dass der Gott unseres Herrn und Messias Jesus, der Vater, dem alle Ehre gehört, euch den Geist der Weisheit gibt, den Geist der Offenbarung, der dazu führt, dass ihr ihn erkennen könnt. Ich bete, dass die Augen eures Herzens erleuchtet werden, sodass ihr wissen könnt, worin die Hoffnung besteht, die in Gottes Ruf enthalten ist, und was der Reichtum seines wunderbaren Lichtglanzes beinhaltet, seines Erbes, das er denen schenkt, die zu ihm, dem heiligen Gott gehören.“
Entscheidend ist für mich die Bitte um erleuchtete Augen des Herzens. Erleuchtete Augen sind Augen, die sehen können. Die Epheser und auch wir sollen mit dem Herzen sehen. Damals galt das Herz als der Sitz des Verstandes. Mit dem Herzen entschied man, mit dem Herzen freute man sich und man litt auch mit dem Herzen. Dort liefen alle Reaktionen und Entscheidungen zusammen.
Erleuchtete Augen, ein Herz das sehen kann. Und was soll es sehen? Die Hoffnung zu der wir berufen sind. Die Hoffnung für unsere Welt, die Hoffnung für unsere Gemeinde, die Hoffnung für unsere Familien und nicht zuletzt auch die Hoffnung für uns selbst. Wir sind dazu berufen zu hoffen, die Hoffnung nicht aufzugeben. Auch wenn alles dagegen spricht, auch wenn die äußeren Umstände die Hoffnung zunichte zu machen drohen. Wir sollen, wir können hoffen, denn dazu sind wir berufen. Das ist keine Frage des Wollens, es IST so.
Bartimäus hatte eigentlich keinen Grund zu hoffen, dass sich seine Situation einmal ändern würde. Und ich bin mir sicher, dass er darüber auch nie nachdachte. Es war, wie es war. Der Status quo ist auch nicht das Schlechteste, schließlich ist er das, was Bartimäus immer schon kannte, in dem er sicher war. Als Jesus in sein Leben trat, muss sich etwas Grundlegendes verändert haben. Etwas, das ihn lehrte, zu hoffen, dass die Dinge sich ändern würden.

Wenn Jesus in das Leben von Menschen tritt verändert sich immer etwas. Und sei es der Wunsch aus dem Status quo auszubrechen, nicht mehr Andere für das eigene Leben verantwortlich zu machen. „Sei du selbst die Veränderung die du dir wünschst für diese Welt“ sagte einst Mahatma Gandhi. Übernimm Verantwortung, wage zu hoffen, sieh mit dem Herzen, denn das Herz lässt sich nicht vom Äußeren beeinflussen ist die Botschaft die dahinter steht. Das galt schon für die Gläubigen in Ephesus und es gilt auch uns.

Ich bete, dass Gott die Augen unserer Herzen erleuchtet, damit wir erkennen, zu welcher Hoffnung wir berufen sind und sehen lernen wie Bartimäus.

Anja Bär